Foto: Ralf Schaus/grenzecho Foto: Ralf Schaus/grenzecho

Rhinos entkamen durchs Nadelöhr

Im Kellerduell der 1. Rollstuhlbasketball-Bundesliga standen sich am vergangenen Samstagabend die beiden Kontrahenten aus Wiesbaden und St.Vith gegenüber. Beide Teams wollten sich durch einen Sieg im entbrannten Abstiegskampf in der Tabelle etwas Luft verschaffen. Während die Wiesbadener auf ihre Topscorer vertraute, setzten die Roller Bulls Ostbelgien nach den beiden deutlichen Niederlagen gegen die Thuringia Bulls und Lahn-Dill neben Wiedergutmachung auch auf die legendäre und beispiellose Fanunterstützung.

Und die Fans beider Lager sollten voll auf ihre Kosten kommen, denn zur absoluten Prime-Time lieferten die beiden Teams einen bravourösen Basketballkrimi ab, der sicherlich nichts für schwache Nerven war.

Lahme Bulls in der Anfangsphase

Die Gäste aus Wiesbaden erwischten den deutlich besseren Start, während die Roller Bulls Ostbelgien, wie bereits in den Vorwochen, nur sehr schwer in ihr Spiel fanden. So war es auch nicht verwunderlich, dass die Rhinos schnell mit 8:2 in Führung gingen, bevor die Bulls etwas aus ihrer Lethargie erwachten und mit einem 7-Punkte-Lauf erstmals mit 9:8 in Führung gingen. Doch sollte sich dieser „Run“ als Strohfeuer entpuppen, denn nach wie vor zogen die Gäste die Fäden und präsentierten sich unter anderem mit Kapitän Amacher in Bestform. Amacher gelang in dieser Phase einfach alles, so dass er quasi im Alleingang mit sechs geworfenen Punkten die 16:9-Viertelführung klarmachte. Die Bulls blieben derweil deutlich unter ihren Möglichkeiten und fanden gegen eine massive Rhinos-Abwehr kein Durchkommen.

„9 Punkte pro Viertel sind zu wenig“

„9 Punkte sind in einem Viertel einfach zu wenig um am Ende etwas Brauchbares mitnehmen zu können“, erklärte Stefan Veithen nach der Partie. Auch der zweite Spielabschnitt verlief aus Sicht der Hausherren nicht wesentlich besser, wenngleich man in der Defensive nichts mehr anbrennen ließ und die Gäste perfekt in Schach halten konnte. Mit einem ausgeglichenen 9:9 gingen die Teams bei einer 25:18-Führung für Wiesbaden in die Pause. Dort schien Stefan Veithen die richtigen Worte gefunden zu haben, denn sein Team agierte nach dem Seitenwechsel deutlich aggressiver und agiler, was sich auch sofort in der Punktausbeute bemerkbar machte. Mit 18:9 ging der dritte Spielabschnitt klar zugunsten der Roller Bulls Ostbelgien aus, der somit mit einer knappen 36:34-Führung auf die Zielgerade einbog. Der Elan der Gastgeber hielt auch zu Beginn des Schlussviertels an, so dass sich die Veithen-Truppe schnell einen 9-Punkte-Vorsprung herausspielen konnte.

Rhinos mit toller Moral

Doch wer nun glaubte, der Wille der Rhinos sei gebrochen, sollte sich an diesem Samstagabend getäuscht sehen. Während die Roller Bulls Ostbelgien mit einigen merkwürdigen Entscheidungen der Unparteiischen haderten, setzten die Rhinos zu einem energiegeladenen Endspurt an. „Wir haben nie aufgegeben und haben im Kollektiv Vollgas gegeben. Das war schlussendlich das Stilmittel unseres Erfolges“, so Wiesbadens Coach Sven Eckhardt, der für die Schlussminuten zu einer Pressverteidigung aufrief und die Bulls damit sichtlich verblüffte. So konnten Amacher und Hopp die wichtigen Körbe werfen und die Rhinos 60 Sekunden vor dem Abpfiff mit 50:49 in Führung bringen. Den Bulls blieb also ein Angriff um die Wende doch noch herbeizuführen und den Sieg zu erringen, doch der perfekt ausgeführte Angriff endete mit einem Korbleger, der schließlich zum Entsetzen der Roller-Bulls-Fans über den Ring kullerte. Das Spiel war zu Ende – die Rhinos hatten gesiegt! Große Enttäuschung im Sport- und Freizeitzentrum St.Vith war allgegenwärtig, während die mitgereiste Fanschar aus Wiesbaden nicht genug vom Feiern bekam. Eine verpasste Chance für die Roller Bulls Ostbelgien, die Saison etwas ruhiger und gelassener zu gestalten. Jetzt heißt es wieder die Wunden zu lecken und gegen Hannover United auf Korb- und Punktjagd zu gehen. Vor allem das Auftreten des Teams in der zweiten Halbzeit birgt Hoffnung auf eine baldige sportliche Kehrtwende. (Quelle: grenzecho/gh)

Es spielten und trafen:

Roller Bulls Ostbelgien: Mounir Moujoud (4), Philippe Minten, Robby Hulsmans (5), David Offermann (2), Jamaa Saadi (2), Nazif Comor (16), Juan Bernal (2), Bart Nullens (4), Davy Bukkers, Quoc Binh Pho, Terence Edja-Wato (3), Lorenzo Boterberg (11), Stefan Veithen.

Rhine River Rhinos: Amacher (19), Göntiner (10), Hopp (9), Malsy (5), Beissert (3), Mohnen (2), Schorp (2), Mayer (1)

Stimmen zum Spiel:

Sven Eckhardt, Coach der Rhine River Rhinos: „Das Spiel war für alle Beteiligten sicherlich eine Achterbahn der Gefühle und hatte so ziemlich alles an Dramatik zu bieten, was man sich so vorstellen kann. Am Ende haben wir uns diesen super wichtigen Sieg mit Kampfgeist, einer entsprechenden Einstellung sowie Herzblut erarbeitet. Auch wenn ich mit der Phase von Minute 25. bis 37., dem 25:4-Lauf der Roller Bulls, unserer Trefferquote und besonders unserer Freiwurfquote (4 aus 25) nicht zufrieden sein kann, bin ich unglaublich stolz auf die Leistung der Mannschaft.“

Rhinos-Kapitän Maurice Amacher: „Das Spiel war in den ersten 20 Minuten so, wie wir es uns vorgestellt haben. Es hätte aber deutlicher sein können. Wir haben unsere einfachen Punkte nicht gemacht. In der 2. Halbzeit haben wir den Faden verloren, uns das Spiel jedoch in den letzten 3 Minuten zurückgeholt. Das Ergebnis spiegelt nicht den Spielverlauf wider.“

Stefan Veithen, Headcoach der Roller Bulls Ostbelgien: „Vor einer super tollen Kulisse haben wir während der ersten zwanzig Minuten nie zu unserem Spiel gefunden. 18 Punkte in zwei Vierteln ist für eine 1. Bundesliga eindeutig zu wenig um dort zu bestehen. Uns mangelte es einfach an der entsprechenden Power. Nach der Standpauke in der Pause haben wir deutlich besser gespielt und sind auch aggressiver zu Werke gegangen. Das war das Team, das ich jedes Mal sehen möchte. Am Ende ließen wir uns dann durch diverse fragwürdige Entscheidungen der Schiris den Schneid abkaufen und büßten somit unseren tollen 9-Punkte-Vorsprung leider ein. Wiesbaden hat am Ende die bessere Moral beweisen, wenngleich wir im Fotofinish noch die Chance hatten, den Sieg in St.Vith zu behalten. Aber wie gesagt, wir haben das Spiel im Grunde genommen in der ersten Halbzeit vergeigt. In der zweiten Halbzeit verbuchten wir 31 Punkte, was im Schnitt ja nicht verkehrt ist. Doch diese Sicherheit unter dem gegnerischen Korb muss in dieser Liga während eines ganzen Spiels gezeigt werden. Mir tut es etwas für unsere tollen Fans leid, denn mit ihrer Unterstützung hätten sie einen Sieg verdient gehabt“.

Randbemerkung

„2 cm zu hoch!“ – Disqualifikation!

Große Aufregung herrschte am Samstagabend nach der Pause, als das Schiedsrichtertrio den Stuhl des Rhino-Akteurs Marc Beissert per Maßband nachmaß. Die erlaubte Stuhlhöhe von 58 cm wurde um 2 cm überschritten, was eine Disqualifikation Beisserts nach sich zog. „Wir können dies nicht ganz nachvollziehen, da der Stuhl gerade überarbeitet wurde und keinerlei Mängel oder Abweichungen festzustellen waren. Auch war das Nachmessen per Maßband nicht ganz professionell, denn bei diesen knappen Messungen wird meist ein exakter Zollstock verwendet“, so Sven Eckhardt. Die Sitzhöhe bietet diverse Vorteile bei der Defense aber auch beim Werfen. „Ja, wir hatten die Schiedsrichter darauf hingewiesen, da uns die Sache von Außen suspekt war. Der Stuhl war ja nach dieser Überprüfung nachweislich nicht ok. Es bleibt abzuwarten, ob dieser Regelverstoß, den die Unparteiischen ja auch dokumentierten andere Konsequenzen nach sich ziehen wird“, äußerte sich Stefan Veithen.

Text: Gerd Hennen

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